Zukunft ohne Ausreden?

Über die Kunst der Selbsttäuschung und wie eine klimafreundliche Zukunft trotzdem gelingt

Bei ernstgemeintem Klimaschutz in Form konkreter Maßnahmen kommen sie ins Spiel:

Ausreden!
Ausreden, warum es im eigenen Land, im eigenen Unternehmen oder im eigenen Lebensbereich eben nicht geht. Die Palette an Ausflüchten ist breit und reicht von überzogenem Technologieoptimismus über Vergleiche mit anderen bis hin zu Klimafatalismus.

Klimaschutz kann mühsam sein und das Ausreden-Buffet ist reich und verlockend.

Nicht zuletzt wegen eines in Psychologie und Verhaltensökonomie gründlich dokumentierten Phänomens mit der umständlichen Bezeichnung „selbstwertdienliche Wahrnehmungsverzerrung“:

Die Selbstwahrnehmung der meisten Menschen ist ins Positive verzerrt. Dementsprechend bewerten wir auch die eigenen Handlungen. Wir halten uns für überdurchschnittlich fleißig, intelligent und ehrlich.

Mit dem positiven Selbstbild einher geht auch das Gefühl, man wäre ohnehin bereits relativ klimafreundlich. Alltagsentscheidungen wie Fernreisen,
brasilianische Steaks oder überdimensionierte SUVs tun dem wenig Abbruch.

Denn das Reflektieren der eigenen Alltagspraktiken und Lebensstile bedeutet Aufwand, den Menschen naturgemäß eher scheuen, und das Erkennen der eigenen Klimasünden kann schmerzhaft sein.

Die inneren Widersprüche stattdessen mit Ausreden und Rechtfertigungen zu überbrücken, kostet hingegen wenig Energie. Ausreden helfen uns, sowohl unser  positives Selbstbild als auch liebgewonnene Gewohnheiten nicht hinterfragen zu müssen.

So hält dann mitunter das Stromsparen im Haushalt als Rechtfertigung für den Kurzstreckenflug her.

Das Gefühl, man täte doch ohnehin schon etwas, reiht sich ein in eine Reihe von Ausreden, die der eigenen Bequemlichkeit dienen, dem Klimaschutz aber abträglich sind.

„Zukünftige Technologien werden es richten“ klingt sehr bequem, denn das macht anstrengende Verhaltensänderungen obsolet.

„Es ist zu spät“ klingt ebenfalls sehr bequem, denn wenn es zu spät ist, dann kann man nichts tun, muss man nichts tun und kann sich einfach zurücklehnen.

„Aber die anderen sind doch noch schlimmer“ – ob es nun der Nachbar ist, China oder die Superreichen – größere Klimasünder lassen sich mühelos ausfindig machen. Auf deren Initiative zu warten, kommt ebenfalls unserer Bequemlichkeit entgegen.

Bessere Rahmenbedingungen, weniger Ausreden
Klimafreundlichkeit scheitert oft an den richtigen Rahmenbedingungen. Die klimaschädliche Option ist häufig die billigere, schnellere, bequemere.Aus der Sicht des Psychologen ist die relativ einfache Lösung, dass es in einer klimafreundlichen Zukunft Entscheidungsarchitekturen benötigt, in denen Klimafreundlichkeit leichtfällt und das Suchen nach Ausreden schwerer wird.

Der Verweis auf fehlende Rahmenbedingungen liefert übrigens ebenfalls eine bequeme Ausrede.

„Wir können nicht, denn wir sind gefangen in Strukturen.“

Das trifft auf unterschiedliche Gruppen unterschiedlich stark zu. Denn viele Menschen haben einen gewissen Handlungsspielraum. Klimaschädliche Strukturen sind nicht statisch, wir tragen täglich zu ihnen bei.

Eine Individualisierung der Verantwortung für den Klimaschutz, also das Abschieben auf Bürger:innen oder einzelne Unternehmen, wird mitunter heftig, und teils zurecht, kritisiert.

„Die eigentliche Verantwortung für Klimaschutz liegt bei der Politik“, lautet das Argument, „und nicht bei der Pendlerin oder dem Steakesser.“

Das kann im Gegenzug trotzdem nicht bedeuten, die Menschen völlig aus ihrer persönlichen Verantwortung zu entlassen. Einerseits ob des genannten Handlungsspielraums, andererseits weil es auch Vorbilder braucht, die Möglichkeiten zur Veränderung vorleben. Wege entstehen, indem man sie geht.

Vom Verzicht zum Tausch
Letztendlich braucht es für eine klimafreundliche Zukunft aber auch einen Wechsel der Perspektive. Klimaschutzdebatten drehen sich oft um das Thema Verzicht. Diskutiert wird vordergründig, was wir aufgeben müssen und was wir verlieren, wenn wir Klimaschutz ernstnehmen.

Menschen sind vorübergehend zu Verzicht bereit, wenn sie den Sinn darin sehen. Als langfristige Zukunftsvision ist Verzicht jedoch völlig untauglich und erntet vordergründig Ablehnung.

Eine wunderbare Anregung für einen Wechsel der Perspektive stammt von der Initiative „Nürnberg Autofrei“. Ihr Zugang ist:

„Sprechen wir doch von einem Tausch! Wir verzichten nicht auf den Parkplatz vorm städtischen Wohnhaus – wir tauschen ihn ein gegen eine lebenswerte, ruhige Straße, in der unsere Kinder künftig gefahrlos spielen können.“

In der Menschheitsgeschichte hat Tauschhandel eine tragende Rolle gespielt, und das Konzept lässt sich auch auf die Klimaschutzdebatte übertragen.

Wir verzichten nicht, wir tauschen!
Wir tauschen unsere klimaschädlichen Lebensstile gegen eine lebenswertere Zukunft für uns selbst und unsere Nachkommen. Das klingt eigentlich nach einem ziemlich guten Deal.

Buchtipp

„die kunst der ausrede“

Verlag: www.oekom.de

 

 

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Thomas Brudermann
Assoz. Prof. | Institut für Umweltsystemwissenschaften Universität Graz

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